Radius oder Fahrzeit, was ist das bessere Einzugsgebiet?

Wann ein Kilometer-Radius für die Gebietsabgrenzung genügt und wann er systematisch falsche Zahlen liefert.

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Die kurze Antwort

Ein Radius genügt, wenn die Umgebung in alle Richtungen ähnlich erschlossen ist, typischerweise in dicht besiedelten Regionen und bei kleinen Gebieten unter etwa zehn Kilometern. Er führt in die Irre, sobald ein Fluss, ein Gebirge, eine Küste oder eine Autobahn die Erreichbarkeit in eine Richtung deutlich verändert, dann liefert eine Fahrzeit-Berechnung das belastbarere Bild.

Was ist der Unterschied zwischen Radius und Fahrzeit?

Ein Radius misst die Luftlinie, alles innerhalb von 30 Kilometern gehört dazu, unabhängig davon, ob eine Straße dorthin führt. Eine Fahrzeit-Berechnung misst, wie weit man im Straßennetz in einer bestimmten Zeit kommt. Beide beschreiben ein Gebiet um denselben Punkt, aber nur die zweite Methode berücksichtigt, wie man tatsächlich dorthin gelangt. Das Ergebnis der Fahrzeit-Methode heißt Isochrone, mehr dazu im Ratgeber Isochrone einfach erklärt.

Radius gegenüber Fahrzeit
RadiusFahrzeit
GrundlageLuftlinieStraßennetz
Formgleich in alle Richtungenrichtungsabhängig
Aufwandsofort berechnetbraucht Routing-Daten

Wann reicht ein Radius, und wann nicht?

Ein Radius genügt, wenn die Umgebung in alle Richtungen ähnlich erschlossen ist, typischerweise in dicht besiedelten Regionen und bei kleinen Gebieten unter etwa zehn Kilometern. Er führt in die Irre, sobald ein Fluss, ein Gebirge, eine Küste oder eine Autobahn die Erreichbarkeit in eine Richtung deutlich verändert.

Radius oder Fahrzeit, acht Situationen
SituationRadius reichtFahrzeit nötigWarum
Dicht besiedelte Stadtregion, gleichmäßiges StraßennetzjaDie Abweichung bleibt gering
Kleines Gebiet unter etwa 10 kmjaDer Umweg fällt auf kurzer Distanz kaum ins Gewicht
Erste grobe Abschätzung, Ergebnis wird ohnehin geprüftjaGeschwindigkeit schlägt Genauigkeit
Gebiet soll auf einer Folie leicht erklärbar seinjaEin Kreis ist sofort verständlich
Fluss, See oder Küste in der Nähe, wenige ÜbergängejaDer Kreis zählt schwer erreichbare Gebiete fälschlich mit
Mittelgebirge oder AlpenjaTäler bestimmen die Erreichbarkeit, nicht die Entfernung
Standort an einer AutobahnjaEntlang der Autobahn reicht das Gebiet weit über den Kreis hinaus
Ländliche Region mit dünnem StraßennetzjaDie Abweichung zwischen Luftlinie und Straße ist hier am größten

Wie stark weicht die Fahrzeit vom Radius ab?

Die Straßenentfernung liegt in Deutschland meist 15 bis 35 Prozent über der Luftlinie. In flachen, dicht erschlossenen Regionen liegt der Wert am unteren Ende, in Mittelgebirgen, an Flüssen und an Küsten deutlich darüber. Dieses Verhältnis heißt Umwegfaktor, es ist das einfachste Maß dafür, ob ein Kreis für eine bestimmte Region tragfähig ist.

Umwegfaktor nach Regionstyp
StreckeLuftlinieFahrstreckeUmwegfaktorRegion
Köln, Frankfurt am Main152,8 km190 km1,24Mittelgebirge
Hamburg, Bremen94,9 km115 km1,21Flachland, Wasserwege
Berlin, München504,0 km585 km1,16Flachland bis Mittelgebirge
Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck34,5 km56 km1,62Alpen
Rostock, Stralsund66,9 km73 km1,09Küste
Freiburg im Breisgau, Konstanz105,7 km125 km1,18Mittelgebirge, Bodensee

Den Umwegfaktor für eine eigene Strecke berechnet der Umwegfaktor-Rechner.

Welche Werte sind in der Praxis üblich?

Es gibt keine amtlichen Vorgaben, übliche Werte ergeben sich aus der jeweiligen Aufgabe. Handwerksbetriebe rechnen meist in Kilometern, weil die Anfahrt abgerechnet wird. Filial- und Vertriebsplanung rechnet häufiger in Minuten, weil Kunden eher in Zeit denken. Entscheidend ist, dass sich der gewählte Wert begründen lässt.

Übliche Größenordnungen nach Aufgabe, Erfahrungswerte
AufgabeÜbliche GrößenordnungEinheitWarum
Handwerk-Einsatzgebiet20 bis 40kmAnfahrt wird nach Kilometern abgerechnet
Einzelhandel, Nahversorgung5 bis 15MinKunden denken in kurzer Wegzeit
Filial-Einzugsgebiet15 bis 30MinErreichbarkeit entscheidet über Besuchshäufigkeit
Außendienst-Gebiet50 bis 100kmgrößere Fläche je Vertreter
Pendelweg30 bis 60Minakzeptierte Pendelzeit im Alltag

Diese Werte sind Erfahrungswerte, keine festen Standards.

Wie bestimme ich ein Einzugsgebiet Schritt für Schritt?

In fünf Schritten, Zweck festlegen, Einheit wählen, Gebiet berechnen, Ergebnis gegen die Realität prüfen, Annahme dokumentieren. Der vierte Schritt wird am häufigsten übersprungen und ist der wichtigste, ein Gebiet, das nie gegen bekannte Kundenstandorte geprüft wurde, ist eine Annahme, kein Ergebnis.

  1. Zweck festlegen. Abrechnung, Marktgröße oder Kommunikation, der Zweck entscheidet die Einheit.
  2. Einheit wählen. Nach der Tabelle in H2-2.
  3. Gebiet berechnen. Umkreis-Karte für Kilometer, Fahrzeit-Karte für Minuten.
  4. Gegen die Realität prüfen. Bekannte Kunden- oder Auftragsorte gegen das Gebiet halten.
  5. Annahme dokumentieren. Methode, Wert und Datum notieren, für die formale Fassung siehe Einzugsgebiet richtig bestimmen, die vollständige Auswertung liefert Einzugsgebiet berechnen.

Welche Fehler passieren dabei am häufigsten?

Fünf Fehler treten immer wieder auf, den Kreis über eine natürliche Barriere hinweg ziehen, Fahrzeit bei freier Fahrt mit dem Berufsverkehr verwechseln, Einwohnerzahlen aus Postleitzahl-Mittelpunkten statt aus Gitterdaten schätzen, das Gebiet nie gegen echte Kundenstandorte prüfen, und die gewählte Methode nicht zu dokumentieren.

  • Kreis über eine Barriere hinweg gezogen. Gebiete jenseits eines Flusses oder Gebirges gelten fälschlich als erreichbar.
  • Freie Fahrt mit Berufsverkehr verwechselt. Die Fahrzeit-Karte rechnet ohne Stau, real dauert derselbe Weg im Berufsverkehr oft länger.
  • PLZ-Mittelpunkte statt Gitterdaten. Einwohner im Umkreis berechnen rechnet aus dem Zensus-Gitter, das ist genauer als die verbreitete PLZ-Schätzung.
  • Nie gegen echte Standorte geprüft. Ein unvalidiertes Gebiet ist eine Annahme, kein Ergebnis.
  • Methode nicht dokumentiert. Ohne Dokumentation lässt sich eine Zahl später nicht mehr nachvollziehen.

Wann reichen beide Methoden nicht?

Wenn das Gebiet nach außen kommuniziert oder formal begründet werden muss. Dann treten drei weitere Methoden hinzu, Abgrenzung nach Postleitzahlgebieten, nach Verwaltungsgrenzen und nach tatsächlichen Kundendaten. Welche davon wann trägt, behandelt der Ratgeber Einzugsgebiet richtig bestimmen ausführlich.